Die Tage las ich den Vorschlag des Regierungsbeirates, dass man den Start in die Rente doch auf das 68ste Lebensjahr hochsetzen solle, weil es der zunehmenden Lebenserwartung gerecht würde. Dass es auch ein finanzielles Thema ist, wird nur am Rande erwähnt. Mich hat diese Nachricht auf mehreren Ebenen bewegt.

Mein erster Impuls war, wenn sie dann die Arbeitsplätze entsprechend anpassen, warum nicht. Aber dieser Aspekt wird nie zur Diskussion gestellt. Wie soll Arbeiten im Alter aussehen? Welche Bedingungen müssten geschaffen werden, damit Arbeit lange Freude bereitet und für beide Seiten einen Mehrwert bringt? Wie will man die Zusammenarbeit dreier Generationen und der KI fördern? Wie muss Führung aussehen, wenn die Lebensarbeitszeit immer länger wird und damit das Alter der Beschäftigen steigt? Wie wird neues zu lernen an den unterschiedlichen Lernhintergründen angepasst? Ach, ich hätte hier noch so viele Fragen.

 

Die Arbeit frisst das Leben

 

Als Business Coach habe ich so oft nur die Kehrseite der Arbeit gesehen. Menschen, die ausbrennen, Menschen, die sich die letzten Meter bis zur Rente schleppten oder auf eigene Kosten in den Vorruhestand gingen, weil sie einfach keine Lebensqualität mehr hatten oder den Leistungsstandards nicht mehr gerecht wurden.

Ein Mensch im Bergbau, der einfährt, wird aus gutem Grund mit 60 berentet, weil, so meine Deutung, er durch diese harte Arbeit aufgebraucht ist.

Die Folgen der Wissensarbeit werden zwar gesehen, die weniger körperlich, wie im Bergbau, aber mehr seelischer Natur sind, aber bei den Diskussionen nicht berücksichtigt.

Dabei nimmt die Anzahl derer, die aufgrund von stressinduzierten psychischen Beeinträchtigungen wie Depression und Angststörungen, in die Erwerbsunfähigkeit oder Frühberentung gehen müssen, stetig zu. (Nachzulesen auf dem Statistikportal der DRV (Deutschen Rentenversicherung).

Erwerbsunfähig bedeutet, nicht mehr in der Lage zu sein, mehr als 3 Stunden täglich in seinem Beruf arbeiten zu können. Was das für die sonstige Lebensbewältigung und -qualität bedeutet, kann man sich schnell vorstellen.

Wenn das Rentenalter hochgelegt wird, wie soll dann vermieden werden, dass Menschen an ihrer Arbeit erkranken?

Aus diesen Erfahrungen heraus sehe ich die Erhöhung des Renteneintrittsalters nur als eine Verschiebung der Kosten, aber nicht als wirkliche Lösung an.

Die Magie der Rente

 

Darüber hinaus finde ich überhaupt das Konzept Rente überholt. Gerade gestern hatte ich ein Coaching mit einem 35-jährigen Angestellten, der jetzt beruflich eine Position erreicht hatte, mit der er einerseits ganz zufrieden war, weil er die internalisierten gesellschaftlichen Erwartungen erfüllt hatte.

Andererseits meinte er, vor ihm tue sich jetzt eine weiße Landkarte auf, da er nicht wisse, wie er sein Arbeitsleben bis zur Rente mit 68 überstehen oder gestalten solle. Der Eintritt in die Rente wird damit zu einer magischen Grenze, die einen von der Arbeit befreit und hinter der, für viele leider zu oft, erst das Leben beginnen soll.

 

Erst die Arbeit, dann das Vergnügen

 

Wenn ich erst mal in Rente bin, dann…

Dass diese Haltung ein Trugschluss ist, habe ich nicht zuletzt als Psychologin in einer onkologischen Reha mit den Patienten erlebt. Viele fragten mich, ob die Arbeit mit krebskranken Menschen nicht schwer sei, was ich stets verneinte.

Es gäbe nur einen Aspekt, den ich schwer fände. Wenn die Leute ihr Leben auf „nach der Rente“ aufgeschoben hatten und nun nicht mehr sicher war, ob sie diese Lebensphase jemals erreichen würden.

Das war hart, diese Wucht des ungelebten und aufgeschobenen Lebens, die plötzlich in das Bewusstsein der Menschen prallte.

Aber man muss dafür nicht an Krebs erkrankt zu sein, um diese Erfahrung zu machen. Wie viele Menschen träumen sich ein Leben herbei, dass, vielleicht auch einfach körperlich bedingt, gar nicht mehr herstellbar ist.

Die 5 Pfennig, die man auf dem Kinderkarussell spart, helfen einem Jahre später auch nicht mehr, meine mal eine Freundin.

Leben lässt sich nicht verschieben und manche Dinge sind einfach vorbei, weil das Interesse oder auch die Fähigkeit, sich neuen Situationen anzupassen, schwindet.

 

Warum ich Work-Life-Balance für Unsinn halte

 

Diese Segmentierung von Leben, die in der Fantasie nach der Rente aufhört, findet sich aus meiner Sicht auch in diesem Begriff wieder. Als würde man auf der Arbeit nicht leben und jenseits der Erwerbsarbeit nicht arbeiten.

Ich bin daher für ein ganz anderes Konzept: der Life-Balance.

Dieser Gedanke geht von dem gesamten Leben aus, das in Balance gebracht zu viel Freude und Zufriedenheit führen kann. Die Generation, die jetzt in die Betriebe und Firmen kommt, fordert das viel stärker ein und die Bereitschaft, so die Berichte, sein Leben für die Arbeit aufzugeben, sinkt.

Das lässt hoffen, dass wir generell neu über Arbeit nachdenken müssen, wie ich in meinem letzten Buch: Neue Visionen für dein Business – 31 umsetzbare Inspirationen für die Wirtschaft von Morgen“ geschrieben habe.

 

Den Start in die Rente, wenn man will

 

Was wäre, wenn man den Eintritt ins Rentenalter den Menschen selbst überlässt? Was wäre, wenn wir ein Fenster aufmachen würden, das zwischen 60 und 78 Jahren liegt und jeder kann, gemäß seiner Lust oder Gesundheit, arbeiten, so lange er will?

Denn die 68 bedeutet auch, dass hier Schluss ist, es sei denn, man ist die Königin von England oder sitzt in irgendeinem Vorstand.

Das wäre doch viel klüger und würde an der Realität, dass wir, im Vergleich mit unseren Großeltern, 20 Jahre länger qualitativ hochwertige Lebenszeit haben, die auch gestaltet sein will.

Darüber hinaus sehnt ja nicht jeder die Rente herbei, sondern findet seine Arbeit befriedigend und sinnstiftend. Konzepte, wie die von John Strelecky, dass Arbeitgeber für Mitarbeitende Räume schaffen sollen, ihre Lebensträume erfüllen zu können, tragen dazu bei.

 

Als Unternehmerin gehe ich nie in Rente

 

Als ich mit 15 Jahren in die Lehre kam, verband ich das mit der Idee, jetzt damit anzufangen, einen Faden zu spinnen, der mir im Alter einen wunderbar warmen Pullover bescheren würde.

Die erste Enttäuschung und Ahnung, dass es womöglich gar nicht so warm werden würde, kam einige Jahre später. Ich bekam einen Bescheid von der Rentenkasse, dass man einfach bestimmte Zeiten für die sogenannte Rentenanwartschaft, wie z. B. einen Teil meiner Studienzeit, nicht mehr anerkennen wollte.

Mein Gefühl war, hier wird Stück für Stück mein Faden abgeschnitten und wenn es so weiterginge, würde am Ende nur noch ein Schal für mich dabei rauskommen.

Zum Glück bin ich ja Unternehmerin geworden.

Damit verlasse ich mich einerseits nicht auf die vermeintliche, noch von Norbert Blüm propagierte Sicherheit der Rente. Mir ist klar, und das mag auch eine Veränderung der eigenen Haltung sein, dass ich gut für mich selbst sorgen muss und auch kann.

Ich bin so viel mehr in die Gestaltung meines jetzigen Lebens eingestiegen und halte mich gar nicht mit dem Konzept auf, was ich wohl jenseits der Rente tun würde. Ich tue es jetzt, selbst wenn ich vielleicht Rente aus meinen alten Anwartschaften beziehen werde.

Ich kann mir vorstellen, dass es auch vielen Berufstätigen so geht wie mir, noch so viele Ideen und Konzepte im Kopf zu haben, die umgesetzt werden wollen. Da würde die Begrenzung durch das Rentenalter nur stören und auch volkswirtschaftlich gesehen viel Potenzial vergeuden.

 

Mein Plädoyer zur Rentendiskussion

 

Ich bin daher für die Flexibilisierung des Renteneinstiegs.

Verbunden mit einer Anpassung der Arbeitsverhältnisse und des Mindestlohns, damit auch längere Erwerbstätigkeit machbar und lebenswert ist.

Ich selbst möchte Menschen ermuntern, nicht auf diese magische Grenze des Renteneinstiegs zu starren, sondern ihr Leben vorher in aller Fülle zu gestalten.

Von der Politik erwarte ich konstruktive Diskussionen mit der Wirtschaft, wie die Arbeitswelt menschengerecht gestaltet sein kann.

Und ich bitte um ein Ende der Augenwischerei, die verschleiert, dass man über die Anhebung des Alters für den Rentenbezug versucht, Gelder aus anderen Töpfen, auch den privaten, zu holen.

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